Musikalische Andacht, Sonntag, 19. Juni 2022

Ellen (Foto: Petra Forster)

Ein Rückblick von Annelies Seelhofer-Brunner
Petra Forster,






Glaube, Liebe und Hoffnung gegen das Leid und Elend in der Ukraine
Mit einer musikalischen Andacht gedachten kürzlich Pianistin, Chorleiterin und Musikpädagogin Oxana Peter-Fedjura, Ellen Schout Grünenfelder und Felix Klein, Bariton, der vielen Kriegsopfer in der Ukraine. Am Abendmahlstisch hing die ukrainische Landesflagge.

Oxana Peter-Fedjura

Die Musikerin Oxana Peter stammt selber aus der Ukraine. Sie hat dort ihre musikalische Ausbildung genossen. Sie erfreute die Anwesenden in der Oberuzwiler Grubenmannkirche mit drei 1896 von Komponist Johannes Brahms (1833 – 1897) geschaffenen Intermezzi und dem Allegretto aus der Symphonie Nr. 4 des gleichen Komponisten. Die Intermezzi werden auch als «Wiegenlieder meiner Schmerzen» bezeichnet. Diese Kompositionen aus der Romantik drücken Gefühle rund um Leiden und Tod in ganz besonderer Weise aus. Oxana Peter nahm diese Stimmung auf und zeigte damit auf virtuose Weise ihre eigene Betroffenheit über die unfassbaren Vorgänge in ihrem Heimatland.

Auch der Bariton Felix Klein war Teil dieser musikalischen Andacht. Er trug „Vier ernste Gesänge“ von Johannes Brahms vor, auswendig und mit viel innerer Anteilnahme. Seine Stimme war auch ohne Mikrofon in jedem Ton klar zu hören. Diese passt gerade zu solch ernsten Stimmungen ausgezeichnet. Drei Lieder besangen den Tod und dessen Unerbittlichkeit, das vierte war ein Appell, doch auf die Kraft von «Glaube, Liebe, Hoffnung» zu vertrauen, ganz besonders aber auf die Liebe zu setzen.

Viele im Publikum waren von den Vorträgen so berührt, dass sie nach jedem musikalischen Beitrag applaudierten, was die äusserst andächtige Stimmung allerdings immer wieder unterbrach.

Kurzer Abriss der Geschichte der Ukraine

In zwei kurzen Erzählsträngen ging Ellen Schout auf die leidvolle Geschichte der Ukraine ein. Das Land war immer wieder Spielball der Geschichte. Da Russisch und Ukrainisch nah verwandte Sprachen, die Länder seit jeher miteinander verflochten sind, ist dieser Krieg umso tragischer. Da werden Familienbande zerschnitten, Kultur wird zerstört, leider nicht zum ersten Mal. Schon Stalin liess in den Dreissigerjahren des 20. Jahrhunderts das Land aushungern, was Millionen von Menschen das Leben kostete. Auch der 2. Weltkrieg forderte viele Opfer, darunter um die 1,5 Millionen jüdische Menschen. 1945 wurde die Ukraine endlich ein unabhängiger Staat, bekam zu ihrem Territorium die Krim dazu. Doch Russland suchte weiterhin seinen Einfluss auf das Land auszuüben.

Und nun also in diesem Jahr – genau seit dem 24. Februar -, der konzentrierte russische Angriff von drei Seiten auf die Ukraine. Ein riesiger Flüchtlingsstrom ergiesst sich seither Richtung Westeuropa, doch viele harren im Land aus, haben oft gar keine Wahl. Manche werden auch zur Flucht nach Russland gezwungen. Zum Glück gibt es Hilfsorganisationen wie «Ärzte ohne Grenzen», die, so gut es eben geht, im Land Hilfe leisten. In unterirdischen U-Bahn-Schächten haben sie riesige Bettenstationen aufgebaut und können so Verletzte pflegen. Die Kollekte dieser Feier war denn auch für dieses humanitäre Friedenswerk bestimmt.

Reich an Bodenschätzen

Das Land ist reich an Bodenschätzen, man findet dort Eisenerz, Graphit, Titan, Nickel, Lithium und Seltene Erden. Und doch hat das Land mit Abstand die geringste Kaufkraft aller europäischen Länder. Das weckt Begehrlichkeiten. Da die Landpreise bis jetzt niedrig sind, versuchen ausländische Staaten wie beispielsweise China, Land zu kaufen, um es auszubeuten. Das nennt man «Land-Grabbing».

Riesige Zerstörungen
Die Region Donezk ist vom Kriegsgeschehen besonders betroffen. In einer Power-Point-Bilderschau zeige Ellen Schout Bilder aus dieser Region. Die Fotos hat ihr Olga Plotnikowa, eine ukrainische Frau aus Jonschwil zur Verfügung gestellt. Die Frau lebte bis 2014 in Donezk. Die Bilder zeigten die ursprüngliche Schönheit dieser Gegend. Die in dieser Gegend vorherrschende Schwarzerde ist äusserst fruchtbar, ideal zum Getreideanbau. Doch dieses Jahr wird vielerorts nichts angebaut werden können. In der Gegend um Mariupol wurde unterdessen sogar fast alles dem Erdboden gleichgemacht.

Schönheit als Gegenpunkt
Der grosse russische Dichter Fjodor Michailowitsch Dostojewski pries die Schönheit als «Rettung der Welt». Er führte zu diesem Thema aus: «Schönheit ist mehr als Ästhetik, sie hat eine ethische und religiöse Dimension.» Dieser Gedanke setzte einen Kontrapunkt zu all dem Schrecklichen, das im Augenblick nicht nur Menschen in der Ukraine, sondern leider auch an vielen andern Orten der Welt erleben müssen. In den Fürbitten wurde all dieser Leidenden gedacht. Mit dem weltumspannenden Gebet «Unser Vater/Vater unser» und dem Segen schloss die gehaltvolle, zum Nachdenken anregende Feierstunde ab.

Als Zugabe spielte Oxana Peter das Lied «Ach, auf der Wiese ein roter Schneeball», eine heitere, optimistische Melodie eines ukrainischen Liedes. So ganz scheu hörte man da ein, zwei Mal einige gesungene Stellen aus ukrainischen Kehlen. Das Lied besingt die Schönheit der Ukraine und ihre Freiheit, zeigt den Kampfeswillen der Nation auf und beschwört den Siegeswillen. Dazu war ein Blatt mit dem Text abgegeben worden, in Deutsch und Ukrainisch – hier natürlich in kyrillischer Schrift.

Annelies Seelhofer-Brunner

Bereitgestellt: 29.06.2022     Besuche: 31 Monat