Begrüssungs-Gottesdienst von Ellen Schout Grünenfelder

Ellen Schout (Foto: Annelies Seelhofer-Brunner)

Ein Rückblick von Annelies Seelhofer-Brunner
Petra Forster,



Durchgewirbelter Einsatzplan zu Jahresbeginn

In diesen Corona-Zeiten braucht es von allen Seiten Flexibilität. Wer weiss denn, wie die Personallage am nächsten Tag aussieht! Das musste jetzt auch die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Oberuzwil-Jonschwil erfahren.

In der Zeitung war für den 9. Januar 2022 «Begrüssungsgottesdienst mit Seelsorgerin Ellen Schout Grünenfelder» zu lesen, doch an diesem Tag leitete Pfarrer René Schärer zur Verblüffung mancher Gemeindemitglieder den Gottesdienst. Am Sonntag darauf stand der Abschied von Diakon Richard Böck anlässlich dessen Pensionierung nach 20 Dienstjahren in der Kirchgemeinde auf dem Einsatzplan. So war es ebenfalls in der Tagespresse zu lesen. Doch diesmal war es Ellen Schout, welche den Gottesdienst leitete. Der Kirchenchor hatte sich seinerseits auf den Abschiedsgottesdienst von Richard Böck vorbereitet, sang nun stattdessen am Begrüssungsgottesdienst seines Chormitglieds Ellen Schout.

Verwirrung pur
Warum diese Verwirrung? Ganz einfach: Ein positiver Corona-Test vereitelte einen geordneten Einsatzablauf, beide Persönlichkeiten mussten kurz vor ihren vorgesehenen Einsatztagen in Isolation.

Im Zweifelsfalle hilft deshalb immer ein Blick auf die Kirchen-Webseite, die Tageszeitung kann gar nicht so kurzfristig reagieren. Petra Forster vom Sekretariat hatte denn auch erst am Freitag vorher die neueste Situation ankündigen können.

Noch-Kirchenvorsteherschafts-Präsidentin Lisa Alder - sie hat ihren Rücktritt auf Ende Juni angekündigt - überreichte Ellen Schout Grünenfelder zur Begrüssung als Seelsorge-Teammitglied der Kirchgemeinde einen bunten Blumenstrauss, verbunden mit den besten Wünschen für eine gute Zusammenarbeit.

Motto des Gottesdienstes

Ellen Schout hatte das Thema «Gott ist ein Freund in der Stille» als roten Faden durch den Gottesdienst ausgewählt. Schon der Kirchenraum an sich lädt zu Stille und Innehalten ein. In ihrem Eingangswort erinnerte sie an eine Aussage von Dietrich Bonhoeffer: «Freude lebt von der Stille und von der Unbegreiflichkeit.» Lektorin Ruth Zülli las Psalm 34 vor, der davon erzählt, wie man als Mensch unter Gottes Schutz geborgen ist. Anhand der Geschichte der aus Tschechien stammenden Nonne Sr. Maria Veronika im Zisterzienser-Kloster Magdenau führte die Theologin vor Augen, dass Stille auch ausgehalten werden können muss. Für diese Nonne ist ihre Klostergemeinschaft «eine Gruppe von schwachen Menschen, die sich immer wieder Gott in die Arme wirft».

Predigt
Die Stille zeigt jedem Menschen die eigene Verwundbarkeit. Stille kann Menschen zur «Besinnung» bringen. Dies veranschaulichte Ellen Schout mit einer Parabel: Da gab es einen schon ziemlich alten König, weise und reich, zudem grosszügig und allen Menschen zugetan. Doch seine Nachfolge bekümmerte ihn. Er selber nahm sich jeden Tag eine Stunde Zeit, um sich in einer geheimen Kammer einzuschliessen. Und jeden Tag verteilte er anschliessend während einer Stunde Hilfsgaben an seine Untertanen, ohne dass dabei sein Vermögen jemals kleiner geworden wäre.

Als sein Sohn nun seine Nachfolge antreten sollte, weihte er diesen in sein Geheimnis ein und schloss ihn in dem Zimmer ein. Doch o Schreck! Diese Kammer war ja völlig leer! Sofort überlegte der junge Mann, wie man einen solchen Raum auf sinnvolle Art füllen könnte. Er hielt diese Leere kaum aus. Am Morgen danach begrüsste der Vater einen völlig übernächtigten Sohn. Da spürte er, dass diese «Nacht in der Stille» noch keinerlei Früchte getragen habe. Deshalb schloss er den jungen Mann ein zweites Mal ein. Aber auch am zweiten Morgen empfing ihn ein vollkommen aufgelöster Sohn. Am dritten Morgen aber hörte der Vater voll Freude, dass sein Sohn wunderbar geschlafen habe, ganz zur Ruhe gekommen sei. Da wusste er, dass er diesem sein Reich getrost überlassen könne, denn sein Sohn werde es ganz in seinem Sinne weiterführen.

Ellen Schout führte aus, dass Stille zur Quelle führe, sie lasse Menschen reifen, ermögliche mystische Erfahrungen. Laut Dorothee Sölle gehören Mystik – und damit verbunden Stille – und Widerstand zusammen. Religiöses Erleben soll in Engagement münden. Ihr zweiter Ehemann Fulbert Steffensky war Benediktinermönch gewesen, hatte sich aber an den vielen Regeln gestört und das Kloster verlassen. Als er endlich davon befreit war, fehlten ihm plötzlich gewisse Strukturen. Klar war für ihn einfach immer gewesen, dass ihn Gott ohne jede Vorleistung liebe. Für sich fand er darauf vier passende Regeln, die letzte mit dem Vorsatz, streng mit sich zu sein, aber auch Halbheiten anzunehmen.

Lieder sind mehr als nur «Umrahmung»

In diesem Gottesdienst zeigte sich einmal mehr, dass Lieder kurzfristig in einen anderen Zusammenhang eingepasst werden können. Denn die beiden Teile «Kyrie» und «Agnus Dei» aus der «Missa festiva» des berühmten amerikanischen Komponisten, Musikdozenten und Dirigenten John Leavitt passten mit ihren feinen Harmonien sowohl zum Thema wie auch zum Anlass selber. Da der Chor die Worte im Teil «Kyrie» in Griechisch – allerdings unzählige Male wiederholt – und das «Agnus Dei» in Latein sang, konnte man sich, auch wenn man vermutlich den Text nicht verstand, völlig der Musik hingeben. Chorleiterin und Pianistin Oxana Peter-Fedjura dirigierte vom E-Piano aus. Sie schenkte den zahlreichen Anwesenden mit ihren pianistischen Einsätzen ausserdem gleich viermal herrlichen Hörgenuss und durfte dafür am Schluss einen langen, herzlichen Applaus entgegennehmen.

Einige biografische Anmerkungen

Was ist Ellen Schout Grünenfelder in ihrer Tätigkeit als Seelsorgerin wichtig? In einem schriftlichen Interview hat sie dazu Stellung genommen. Sie wuchs in einem konfessionell gemischten Haushalt auf, bekam von ihrem ursprünglich evangelisch aufgewachsenen Vater die Liebe zur Orgelmusik mit auf den Weg, wurde aber mütterlicherseits katholisch geprägt. Gerne wäre sie Ministrantin geworden, aber Mädchen und Frauen hatten in den Siebzigerjahren noch kaum einen Platz in der katholischen Kirche. Als sie 16 Jahre alt war, erlebte sie in Taizé eine berührende internationale Gemeinschaft und Gottesdienste, deren Ausstrahlung und Spiritualität sie seither nicht mehr losliessen. Sie durfte zu ihrer Freude kurz nach dieser tiefgreifenden Erfahrung mit dem evangelischen Pfarrer ihrer Heimatgemeinde solche Taizé-Feiern mitgestalten. So wandte sich mehr und mehr der evangelischen Kirche zu.

Erst viel später, nach ihrem freiwilligen sozialen Jahr wurde ihr klar, dass ein Theologiestudium für sie das Richtige sei. In Marburg, Deutschland, fand die junge Frau die passende Universität. Ellen Schout ist überzeugt, dass es gar kein spannenderes und vielfältigeres Studium als das der Theologie geben könne. Ab 1991 hat sie, nach ihrem Umzug nach Oberuzwil, in Zürich weiterstudiert.

Schwerpunkt ihrer neuen Anstellung ist die Seniorenarbeit. Aber ihr sind alle Menschen wichtig, besonders jedoch solche die arm, fremd oder in Not sind. Auch die gewaltfreie Kommunikation ist ihr ein grosses Anliegen. Jesus hat ja ebenfalls gewaltfrei für die Menschen gekämpft. Ökumenische Zusammenarbeit findet sie ebenfalls sehr wichtig, fühlt sich in beiden Konfessionen beheimatet. Weiter fasziniert sie die Mystik, besonders die jüdische und die islamische.

Bei Unrecht nicht schweigen
Für Ellen Schout ist es klar, dass es bei offensichtlichem Unrecht die Pflicht der Kirche ist, sich dagegen zu wehren, so wie das auch Jesus getan hat. Diese Frage wird immer wieder kontrovers diskutiert, denn die Kirche ist ein Abbild der ganzen Gesellschaft. Aber Schweigen wird zu oft als Zustimmung ausgelegt. «Menschen brauchen Menschen, um einander blühen zu helfen», ist die Theologin überzeugt. Sie möchte aber nicht nur mit kirchennahen Menschen in Kontakt sein, sondern auch auf Menschen ausserhalb dieser Institution zugehen. Wichtig sind ihr gerade auch solche am Rande der Gesellschaft. Denn auch das hat ja Jesus bereits vorgelebt. Sie engagiert sich deshalb beispielsweise in der Markthalle in Niederuzwil und leitet ausserdem die ökumenische Wegbegleitgruppe Uzwil und Umgebung. Auch der ökumenische, von Frauen gestaltete Weltgebetstag liegt ihr am Herzen, da dort Frauen von allen Kontinenten ihre Anliegen vorbringen können.

Verabschiedung der Diakone Richard Böck und Simeon Gantenbein
Richard Böck wird nun zu einem späteren Zeitpunkt verabschiedet werden, zusammen mit Diakon Simeon Gantenbein – noch bis Ende Februar im Amt – und gleich drei Mitgliedern aus der Kirchenvorsteherschaft.

Richard Böck hat seinerzeit das «Café Plus» ins Leben gerufen, dessen Leitung aber unterdessen an Bettina Augustin abgegeben, war aber bis zuletzt Schirmherr dieses Projekts. Ellen Schout wird als «Schirmherrin» übernehmen und im Café – vor dem Kirchgemeindehaus unter dem wunderschönen Tulpenbaum oder im Foyer – je nach zeitlicher Verfügbarkeit mit Besucherinnen und Besuchern beim Gespräch anzutreffen sein.

Vieles ist im Augenblick im Umbruch. Mit neuen Amtspersonen können sich gewisse Zuständigkeiten deshalb wieder ändern. Flexibilität ist auch hier vom ganzen Seelsorgeteam gefragt. Genaueres kann jeweils der Tagespresse sowie der Webseite der Kirchgemeinde entnommen werden.

Annelies Seelhofer-Brunner
Bereitgestellt: 26.01.2022     Besuche: 31 Monat