zweiter ökumenischer Bildungsabend

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Flucht und Heimatlosigkeit
Petra Forster,
Flucht und Heimatlosigkeit – zu biblischen Zeiten und heute

Annelies Seelhofer-Brunner

Isabelle Müller-Stewens ist Pfarreiratspräsidentin der Pfarrei Mörschwil, Dr. Bernd Ruhe Pfarreibeauftragter am gleichen Ort. Diese beiden Persönlichkeiten referierten am zweiten ökumenischen Bildungsabend mittels verschiedener biblischer Texte über Flucht und Exilgeschichten in der Unterkirche. Im Wechsel zeigten sie auf, wie sehr Heimatlosigkeit und das Leben in der Fremde Menschen schon immer geprägt haben. Die auffallenden Parallelen zu heutigen Vorgängen im Nahen Osten und andernorts unterstrichen die spannenden Ausführungen von Erich Gysling am ersten Bildungsabend.

Fluchtgründe
Es gibt ganz verschiedene Situationen, die Menschen dazu bringen, ihre Heimat zu verlassen und anderswo zu versuchen, ein neues Leben anzufangen. Das war schon zu allen Zeiten so. Krieg zwingt Menschen, innert kürzester Zeit zu flüchten und Hab und Gut zurückzulassen. Wirtschaftliche Not verstärkt den Gedanken an ein Leben in einem wohlhabenderen Land. Das haben vor gar nicht allzu vielen Jahrzehnten auch Schweizer und Schweizerinnen getan und sind vor Hungersnot und Arbeitslosigkeit nach Übersee - Amerika, aber auch Brasilien und andere südamerikanische Länder – gereist, oft mit einem kleinen finanziellen Anreiz des Heimatkantons versehen. Es gibt aber auch politische Gründe wie Unterdrückung der Meinungsfreiheit und allgemein starke Repression, die Menschen zum Aufbruch in ein anderes Land bewegen können.

Ohne Perspektive

Auch Perspektivlosigkeit kann ein Grund für Flucht sein. Darum kommen so viele vor allem junge Männer aus afrikanischen und Ländern wie Syrien oder Afghanistan nach Europa, weil sie sich da in jeder Hinsicht bessere Aussichten erhoffen. Die biblischen Geschichten haben deshalb einen hochaktuellen Bezug zu heutigen Fluchtgründen. Der Holocaust zeigt die Rechtlosigkeit und das Grauen entfesselter Brutalität gleich nochmals deutlich auf – und diese Geschichte ist vor noch gar nicht langer Zeit passiert. Schutz vor Willkür ist auch heute ein wichtiger Pfeiler einer menschenwürdigen Flüchtlingspolitik.

Abraham
Eine der wichtigsten Persönlichkeiten im Alten Testament ist bestimmt Abraham, übersetzt „Vater des Volkes“ – sein ursprünglicher Name war „Abram“, was so viel heisst wie „Vater ist erhaben“. Er bekam von Gott den Auftrag, aus Ur wegzuziehen in das Land, „das ich dir zeigen werde“ und erlebte Heimatlosigkeit und Ungewissheit in fremden Gefilden am eigenen Leib. Dabei musste er gleich doppelt leiden, bekam er doch mit seiner Frau Sarah – „Herrin“ – keine Kinder, was zu dieser Zeit eine absolute Katastrophe war. Er musste sein Leben mehr als einmal den neuen Gegebenheiten anpassen.

Und weil Sarah so schön war, hatte er Angst um sie und stellte sie als seine Schwester vor. Da warf der Pharao ein Auge auf sie und nahm sie zur Frau, bis er herausfand, dass sie eigentlich zu Abraham gehöre. Er gab sie diesem zurück – eine absolut erstaunliche Grossmut und ein Beweis dafür, dass biblische Geschichten nicht einfach altmodisches Geschwätz sind, sondern für heutige Menschen Wegweiser sein können. Verzeihen, grossmütig sein, nicht verurteilen sind auch heute wichtige Handlungen für ein gelingendes Leben.

Ständige Eroberungen
Im Jahr 722 vor Christus eroberten die Assyrer das Nordreich und deportierten von dort unzählige Menschen, vor allem aus der Oberschicht. In die leeren Landstriche siedelten sie fremde Menschen an, die einen andern Glauben und eine fremde Kultur mitbrachten. Um ca. 600 v.Chr. eroberte dann König Nebukadnezar aus Babylon Jerusalem und deportierte die jüdische Oberschicht in sein Land - auch als „Babel“ bekannt. Nicht allen ging es schlecht in diesem Land, aber das Volk Israel wollte den Glauben an den einen, ihren Gott nicht verwässern lassen und pflegte die wichtigen Kultvorgaben gewissenhaft. Das machte sie in den Augen der dortigen Bevölkerung zu Fremden.

Exodus
Lange verblieb das israelitische Volk in der Josefsgeschichte nach der verheerenden Hungersnot in Ägypten, wurde bald schon zu schwerer Sklavenarbeit gezwungen. Bei den Einheimischen kam grosse Angst auf, diese Leute könnten zu zahlreich werden, sodass der Pharao schliesslich befahl, alle Knäblein zu töten, die unter zwei Jahre alt wären. Moses wurde laut dem zweiten Buch Mose in einem Binsenkörbchen ausgesetzt, wo ihn die Pharaonenprinzessin fand, mit sich ins Königshaus nahm und ihn wie einen eigenen Sohn aufzog. Als es aber für seine eigenen Landsleute zu schlimm wurde, die Arbeit immer strenger und unmenschlicher, da erwirkte er beim Pharao die Rückkehr des Volkes Israel. Die Rückkehr war allerdings entbehrungsreich und äussert schwierig, denn man musste sich neu in der alten Heimat einfinden, war im eigenen Land fremd.

Verschobene Zeitebenen
Viele Texte der Bibel haben zwei unterschiedliche Ebenen, erstens die Zeit der Vorkommnisse, die erzählt werden, zweitens die tatsächliche Zeit des Aufschreibens, die mehrere Jahrhunderte später erfolgen konnte, wenn wieder ähnliche Erlebnisse das Volk bewegten. So soll auch das Leben Abrahams und seiner Sippe als Beispiel für die wechselvolle Geschichte Israels verstanden werden. Diese Geschichten wurden – und werden noch heute - von Generation zu Generation überliefert und geben Identität, was in einem fremden Land besonders hilfreich ist. Die amerikanischen Sklaven haben in vielen Spirituals und Gospels diese Exilgeschichten auf berührende Weise in unvergessliche Melodien umgesetzt.

Verlust des Tempels in Jerusalem als identitätsstiftende Kultstätte
Der Tempel in Jerusalem war lange das Zentrum des jüdischen Glaubens. Doch dieser wurde mehrmals zerstört und konnte nicht mehr als Kultstätte dienen. Da wurde die Thora – die fünf Bücher Mose – zur identitätsstiftenden Grundlage. Und als das Volk – gleich mehrmals – nach langem Aufenthalt in einem fremden Land – wieder nach Jerusalem zurückkam, war dieses fremdbesiedelt. Umso mehr wurden die eigenen Glaubensvorgaben gepflegt.

Was heisst „Fremdsein“?
Wer sein Hab und Gut verliert und auf Menschen in einem fremden Land, mit fremder Sprache, fremder Religion und fremder Lebenswese angewiesen ist, erlebt eine Art Kulturschock. Immer wieder haben das Menschen der biblischen Erzählungen erleben müssen. Leider vertreiben auch heute Kriege in vielen Ländern Menschen aus ihren vertrauten Orten. Wahre Fluchtwellen gibt es im Augenblick, und zwar aus ganz vielen Ländern.


Rechtliche Vorgaben
Schon im Alten Testament waren die Fremden vor Willkür und Ausgrenzung geschützt. Sie durften zwar kein Land erwerben, genauso wenig wie Witwen, Leviten oder Waisen. Ein Fremder bekam aber soziale und auch materielle Unterstützung, es gab also schon damals eine Art Sozialwesen für die Schwächsten der Gesellschaft.

Abgrenzung
Die Gefahr, den Glauben an Gott inmitten all der Fremden zu verlieren, veranlasste viele Gläubige zu einer Ausgrenzung von fremden Einflüssen. Im Buch Nehemia werden die Zugehörigkeitsmerkmale genau definiert:

Abstammung
Beschneidung der männlichen Gemeindemitglieder
Strikte Gesetzestreue
Priester als Mittelpunkt der Tempelgemeinschaft
Klare Abgrenzung gegenüber Fremden und Andersgläubigen

Auch dieses Buch wurde erst ungefähr 150 Jahre später nach den geschilderten Geschehnissen aufgeschrieben. Nehemia hatte eine Mission, wollte eine Mauer errichten und das Land stabilisieren. Zusammen mit dem Priester Esra schaute er auf penibel eingehaltene Rituale, Mischehen sollten aufgelöst werden. Man ist sich allerdings nicht einig, ob das tatsächlich so gehandhabt wurde.

Beziehung fördert Leben
Im Buch Ruth wird dagegen eine offene Haltung gegenüber Andersgläubigen dargestellt. Die Frau lebt ja selber in einer Mischehe. Und als die männlichen Mitglieder der Sippe gestorben sind, geht sie mit ihrer Schwiegermutter Naemi ins für sie fremde Israel. Der Schlüsselsatz heisst: „Wo du hingehst, da will auch ich hingehen. Dein Gott ist auch mein Gott.“ Da ist nicht von Abgrenzung die Rede, sondern gemeinsame Ideale und Handlungen sind wichtig. Gottes Handeln ist nicht auf gläubige Israeliten beschränkt, sondern schliesst auch alle Fremden und Andersgläubigen mit ein. Diese Geschichte macht ganz viel Mut, besonders auch Mädchen, weil doch Frauen in der Bibel eher selten einen solchen Stellenwert bekommen.

Auch Jesus ein Verfolgter
Das Neue Testament erzählt in den Evangelien von Jesus, der schon als kleines Kind mit den Eltern fliehen muss, weil Herodes angeordnet hat – genau wie in der Geschichte von Moses -, alle kleinen Knäblein umbringen zu lassen, weil er doch von Weisen aus dem Morgenland von einem neuen König, dem verheissenen Messias, erfahren hat. Nach dem Tod des Königs kann seine Familie wieder zurückkehren. Sie bringen die Erfahrung der Heimatlosigkeit im fernen Ägypten mit und lassen sich in einem andern Gebiet als dem angestammten nieder. Man kann auch „fremd im eigenen Land“ sein, was im Nahen Osten im Augenblick für unzählige Flüchtlinge gilt, die irgendwo in einem etwas sichereren Landstrich auf das Ende der Kämpfe hoffen.

Freiheit und himmlisches Bürgerrecht

Paulus, der ehemalige Christenverfolger, schreibt in seinen Briefen oft von aufgehobenen Grenzen. Wer an Christus glaubt, gehört zu einer weltweiten Gemeinde, die Herkunft ist unwichtig geworden. In vielen Gleichnissen wird erzählt, wie Jesus sich der Fremden und Ausgestossenen angenommen hat. Jeder Gläubige hat ein "himmlisches Bürgerrecht", bleibt aber auf Erden oft ein Fremder.
Autor: Petra Forster     Bereitgestellt: 03.09.2017     Besuche: 11 Monat