erster ökumenischer Bildungsabend

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Brennpunkt Naher Osten mit Erich Gysling
Petra Forster,
Brandherd Nahost, von einem Kenner beleuchtet
Erich Gysling referierte am ersten ökumenischen Bildungsabend 2017 in Oberuzwil


Annelies Seelhofer-Brunner

140 Stühle hatte Mesmer Rolf Grob an diesem Septemberabend im Kirchgemeindehaus Oberuzwil hingestellt, und praktisch alle wurden von interessierten Männern und Frauen besetzt, schliesslich wurde der renommierte Politik-Journalist und Nahostexperte Erich Gysling erwartet, ein fundierter Kenner des arabischen Raums. Für sein Referat brauchte er kein Manuskript, Erfahrung und ein paar PowerPoint-Bilder reichten aus, um die Vorgänge in diesen islamischen Ländern zu umreissen. Das Publikum dankte ihm mit langanhaltendem Applaus.

Erich Gysling
Vielen ist der Mann, der so lange das Gesicht der Tagesschau, aber auch der Rundschau und unzähliger Diskussionsrunden war, noch ganz präsent, obwohl der Mann schon über achtzig Jahre alt ist. Er liest täglich unzählige Tageszeitungen und informiert sich über das Weltgeschehen in Ost und West. Der arabische Raum interessiert ihn aber am meisten, er hat auch schon unzählige Reisen in diese Gebiete gemacht. Zudem hat er die arabische Sprache studiert, was ihm unmittelbareren Zugang zu den Informationen vor Ort verschafft. Er spricht aber auch Farsi, welche im Iran, in Afghanistan und in Tadschikistan Amtssprache ist. Seit mehreren Jahren führt er Interessierte durch verschiedene islamische Länder und zeigt deren Schönheiten und Besonderheiten auf.

Grundwerte des Islam
Im Koran steht, dass ein Muslim nicht bei Juden und Christen missionieren soll. Und doch hat der Islam einen globalen Anspruch. Alle müssen bekehrt werden, notfalls auch mit Gewalt. Oft kommt die Frage auf, ob der Islam mit unseren christlichen Grundwerten kompatibel sei. Der Koran wurde nach islamischem Glauben „Von oben herabgesenkt“. Für viele strenggläubige Moslems darf aus diesem Grund im Koran nicht ein einziger Buchstabe entfernt oder verändert werden. Der Dialog mit Moslems verläuft deshalb meist asymmetrisch, auch weil für sie der Koran vollständig als heilig überliefert gilt. Darin gibt es allerdings unzählige Widersprüche, die zu Zwisten unter den Geistlichen führen.

Nebst dem Koran gibt es viele Überlieferungen – Hadithe - von Aussprüchen und Handlungen des Propheten Mohammed, die für die gläubigen Moslems eine beinahe gleich grosse Bedeutung haben. Soziale Unterstützung von Schwachen ist ein wichtiger Pfeiler in der Ausübung des Glaubens, dazu kommen verschiedene Vorschriften wie die Gebetszeiten oder die Einhaltung der Fastenzeit Ramadan.

Gelenkte islamische Demokratien

Die grossen islamisch geprägten Länder sind meist als gelenkte Demokratien organisiert. So hat beispielsweise der Iran seit der Revolution von 1979 schon 71 x Wahlen organisiert. In Indonesien, Pakistan, Bangladesh und Iran leben 80 % aller Muslime der Welt einigermassen friedlich zusammen. Doch im Nahen Osten haben vorwiegend Autokraten und Diktatoren lange das Sagen gehabt.

Unruheherd Naher Osten
Was ist es denn, was einen stabilen Frieden in den Kriegsgebieten so schwierig macht? Gysling verglich diese Kriege – Syrien, Jemen, Afghanistan, Irak, aber auch gewisse afrikanische Länder – mit einem dreigeschossigen Einfamilienhaus, in dessen Parterre der eigentliche Bürgerkrieg stattfindet, im ersten Stock Regionalmächte gegeneinander streiten und im zweiten Stock – und nicht so offensichtlich – die grossen Weltmächte USA, Russland und immer stärker auch China sich einmischen. Die ehemaligen Herrscher wurden von interessierten Armeen aus dem Westen weggefegt – Saddam Hussein oder auch Muammar Al-Gaddafi – dahinter haben sich Interessengruppen eingenistet, die aber selten am gleichen Strick ziehen. Und würden sich die USA aus der Region zurückziehen, stiessen sofort andere Grossmächte nach…

Nachwehen der Kolonialzeit
Vor allem Frankreich und England haben viele Jahrzehnte lang als Kolonialherren diese Länder ausgebeutet und von ihren Bodenschätzen profitiert. Darum verwundert es nicht, dass irgendwann der Nationalismus in vielen dieser Staaten aufflammte, mit der Folge, dass die Besatzer sich aus diesen Ländern zurückziehen mussten. Doch immer wieder griffen westliche Mächte – allen voran die USA, meist im Verbund mit Grossbritannien – ein, wenn es um ihre Interessen ging. Der Kampf um Energieträger wie Erdöl oder Erdgas, aber auch um strategisch wichtige Stützpunkte entbrennt bis heute immer wieder.

Aufklärung fand nie statt
Im Christentum gab es mit der Reformation eine tiefgreifende Erneuerung der Auslegung. Dann kam die Renaissance, darauf die Aufklärung, die vieles infrage stellte, was bis anhing gegolten hatte. Selbständiges Denken wurde nun gefragt. Im Islam gab es das bis heute nie. Allerdings kannte auch der Islam eine lange Zeit der grossen Diskussionen rund um Glaubensinhalte. Vom 6. bis zum 13. Jahrhundert n.Chr. wurde ausgiebig darüber diskutiert, wie der Koran auszulegen sei. Doch dann erliess die hohe Geistlichkeit eine Fatwa –Genaueres dazu kann im Kasten unten auf Wikipedia nachgelesen werden – welche befahl: „Das Tor zur Diskussion/Interpretation ist ab jetzt geschlossen.“ Deshalb gibt es seither kaum selbständiges Denken in vielen islamischen Ländern, was sich auch im täglichen Leben und in der Wirtschaft niederschlägt.

Viel Auswendiglernen
Lernende auf allen Stufen müssen hauptsächlich Auswendiggelerntes wiedergeben. Eine wissenschaftliche These muss zudem bis zum Propheten zurückverfolgt werden können, damit sie anerkannt wird. Selber Erschaffenes zählt wenig, das verkleinert die persönliche Denkwelt. Es hat eine eigentliche „Versteinerung der islamischen Denkwelt“ gegeben. Interessanterweise lassen aber viele arabische Väter ihre Söhne im Westen studieren…

Bruderzwist zwischen Sunniten und Schiiten hauptsächlich politisch
Erich Gysling zeigte auf, dass Sunniten und Schiiten sich nur in winzigen Details voneinander unterscheiden. Immer geht es dabei um die Frage der richtigen Nachfolge des Propheten Mohammed. Die steten Kämpfe untereinander sind machtpolitisch motiviert. Es geht vorwiegend um die Vorherrschaft im Nahen Osten. Weltweit sind 80 – 90% der Muslime sunnitischen Glaubens, nur im Iran, im Irak und in Bahrain gibt es eine schiitische Mehrheit. Der Wahhabiten – in Saudi Arabien Staatsreligion – wähnen sich als die einzig richtigen Gläubigen. Sie pflegen einen strengeren sunnitischen Glauben.

Wie sieht es heute aus?

Irak ist nach dem langen, noch immer währenden Krieg zu einem gescheiterten Staat geworden. In Syrien, Jemen, in Afghanistan, aber auch im Osten der Türkei kämpfen unterschiedliche Gruppen gegeneinander. Dabei geht es nur vordergründig um Religion. Machtansprüche sind wichtiger als das Wohlergehen der Bevölkerung. Tunesien hat zwar den Arabischen Frühling gespürt, aber viele Tunesier kämpfen für den IS und andere Fundamentalistengruppen. Libyen erlitt seit dem Sturz von Gadaffi eine Tragödie nach der andern. Um die 100 Milizen richteten ein Chaos an und kämpfen um die Vorherrschaft um die Meereshäfen und das lukrative Geschäft mit Flüchtlingen.

In Algerien ist die Lage ohne Arabischen Frühling besser als vielerorts im arabischen Raum. Die dank des Erdöls so reichen Oberschichten in den Staaten am Golf pflegen einen sehr strengen Islam, lassen die niedrigen Arbeiten schlechtbezahlt durch Menschen aus fernen Ländern ausführen und leben selber in grossem Luxus. Auch Ägypten geht es seit dem Sturz des Moslembruders Mursi nur noch bergab… Und doch gibt es sogar in Syrien grosse Landstriche, wo der Krieg vordergründig nicht sicht- und spürbar ist.

Gründe für die Radikalisierung
Viele Menschen haben das Vertrauen in ihre Regierungen verloren. Im Irak wurden ca. 2 Millionen Menschen nach dem Sturz von Saddam Hussein aus den Ämtern entfernt und verarmten. In diese Lücke traten sehr geschickt Fundamentalisten wie Al-Kaida, der IS oder - in Ägypten - die Muslimbrüder. Und weil der IS jetzt immer mehr an Land verliert, hat er seinen Kampf gegen die Ungläubigen auf die ganze Welt ausgedehnt.

Doppelspiel des Westens
Der Westen – USA und Europa -, aber auch Russland und neuestens China unterstützen mit riesigen Waffenlieferungen die streitenden Parteien. Präsident Trump hat sich bei seinem Besuch in Saudi Arabien mit dem abgeschlossenen „Deal“ von 110 Milliarden Dollar in drei Jahren gebrüstet. Die RUAG – schweizerische Waffenschmiede – baut in den Emiraten eine Waffenfabrik auf. Und wenn die Amerikaner und der übrigen Westen kein Kriegsmaterial verkaufen würden, stiessen gleich Chinesen, Russen oder andere Machthungrige in die Lücke.

Geringer Einfluss von fortschrittlichen Gruppierungen

Leider haben Gruppierungen wie das „Forum für einen fortschrittlichen Islam“ nur eine ganz geringe Wirkung in den Reihen der, sind jedoch grossem Hass vonseiten konservativer islamischer Kreise ausgesetzt. Auch die „Offene Moschee“ in Berlin wird keinen grösseren Schritt nach vorne bringen, ist Gysling überzeugt. Und dennoch sind solche Zeichen der Öffnung wichtig.

Kleine Hoffnungsschimmer
Anhand verschiedener Grafiken erläuterte der Referent seine – wie er selber sagte – recht zaghafte Hoffnung, dass sich mittelfristig doch etwas ändern könnte. In allen Staaten des Nahen Ostens ist die Geburtenrate ständig am Sinken. Viel mehr junge Menschen sind gut ausgebildet, im Iran sind heutzutage 70 % aller Studierenden Frauen. Das Ganze muss in einem Zeithorizont von mindestens 15 Jahren gesehen werden. Und es gehen auch immer wieder Flüchtlinge zurück, sobald sie nur die kleinste Aussicht auf Besserung sehen.

Konsequenzen für unser Land

Gysling plädierte dafür, dass es in unserem Land einen Lehrstuhl für Imame geben soll, eine universitäre Ausbildung. Wer in unser Land kommt, hat unsere Rechtsordnung einzuhalten. Vom Burka- oder Minarettverbot hält Erich Gysling hingegen gar nichts. Dafür müssen Menschen aus diesen Regionen auf unsere westlichen Wertvorstellungen wie Gleichstellung der Geschlechter, Freiheit der Religionsausübung sowie Rede- und Denkfreiheit verpflichtet werden. Vor allem muss ein Austritt aus einer religiösen Gemeinschaft möglich sein, was beim streng ausgelegten islamischen Glauben absolut undenkbar ist.
Autor: Petra Forster     Bereitgestellt: 30.08.2017